Fibershed – was ist das eigentlich?

1.11.23

Als ich zum ersten Mal von der Idee las, Kleidung aus regionaler Produktion wie Gemüse auf dem Markt zu kaufen, dachte ich unwillkürlich an kratzige, unförmige Pullover.
Aber nur, bis ich mich genauer mit dem Fibershed-Prinzip befasst habe.
Meine anfängliche Skepsis schlug sofort in Begeisterung für dieses faszinierende Konzept um!

Fibershed ist der englische Begriff für Fasereinzugsgebiet.
Ähnlich wie beim nachhaltigen Anbau von Nahrungsmitteln geht es um biologischen und möglichst regionalen Anbau von Fasern, um Textilien herzustellen.

Bis ins 20. Jahrhundert konnten ein Grossteil der benötigten Textilien in einem überschaubaren Umkreis fabriziert werden.
Wie sinnvoll es wäre, die regionalen textilen Lieferketten wieder einzurichten und somit unabhängig zu sein, zeigt sich eindrucksvoll in Zeiten von Pandemie und Krieg.

Das ressourcenschonende, ebenso einfache wie geniale Prinzip der Fibershed-Bewegung geht jedoch noch weit darüber hinaus.

Die Bewegung hat die Vision einer Gemeinschaft,
welche die zur Textilherstellung benötigenden Fasern selbst kultiviert und
jeden Schritt bis zum fertigen Textil in dieser Gemeinschaft ausführt.
So entsteht eine kurze, transparente Lieferkette, welche auf den Prinzipien von Fairness und Nachhaltigkeit beruht.

Der Fokus liegt nicht auf maximalem Profit, sondern auf maximaler Qualtiät, Ethik und Gesundheit für Mensch, Tier und Umwelt .

 Fibershed ruft zu einer biologischen, regenerativen Textilwirtschaft auf.
Diese Art der Herstellung ist in weiten Teilen dieselbe wie jene unserer Vorfahren.

Biologisch bedeutet, dass keine für Mensch, Tier und Umwelt schädliche Chemikalien eingesetzt werden.
Die Idee der regenerativen Landwirtschaft hat zum Ziel, den Boden so zu bewirtschaften, dass der Humus-Anteil erhalten oder sogar gesteigert und Kohlenstoff im Boden eingelagert wird.
Die Biodiversität wird gefördert, das Leben im jederzeit bedeckten und durchwurzelten Boden wird möglichst wenig gestört. Schafe fressen Gras und Unkraut ab, Enten und Hühner fressen Schädlinge.
Einfach erklärt wird das Prinzip der regenerativen Landwirtschaft von Jukerfarm.

Das Prinzip ist als Kreislauf gedacht:

Fasern und Farbstoffe pflanzen

Es werden ausschliesslich natürliche Fasern, also keine synthetischen Fasern wie Polyester, Nylon oder Elastan, verwendet.
Das ist essenziell, im Abschnitt Klamotten auf den Kompost werfen erfährst du, warum.
In biologischer, teilweise regenerativer Landwirtschaft, werden regional gedeihende Fasern gewonnen.

Dabei werden nicht nur Pflanzen, die Textilfasern liefern, angebaut, sondern auch solche, aus denen Farbstoffe gewonnen werden können.

Schafe und andere Tiere liefern Wollfasern und Leder gewissermassen als Nebenprodukt. Sie nehmen in der regenerativen Landwirtschaft, wie in ihrer ursprünglichen Lebensweise, wichtige Aufgaben der Landschaftspflege wahr.

Aus Pflanzen Garn machen

Die Leinen- und Hanffasern werden nach der Ernte von den Stängeln getrennt und die Wolle der Schafe wird nach dem Scheren sortiert.

Nun werden die Fasern gewaschen, zu Garn versponnen und bei Bedarf mit pflanzlichen Farben gefärbt.

Anschliessend können die Garne industriell zu Stoffen gestrickt oder gewebt werden.
Während des gesamten Herstellungsprozesses kommen weder chemische Färbemittel noch chemische Ausrüstungen wie beispielsweise die Superwash-Ausrüstung zum Einsatz.

Wenn du handarbeitest, kannst du aus Fibershed-Garnen Textilien selbst häkeln oder stricken:

Gehäkelte Topfuntersetzer

Durchdachtes Design

Für die industrielle Konfektion planen Designer:innen zeitlose, einfach kombinierbare, hochwertige Textilien, die möglichst viele Jahre halten.

Bei der Herstellung von Kleidung und Textilien des täglichen Bedarfs, besteht auch das Nähgarn aus natürlichem, biologisch hergestelltem Material.
Weshalb das so wichtig ist, erfährst du im Abschnitt Klamotten auf den Kompost werfen.

Lebensverlängernde Massnahmen

Bei jedem noch so robust gearbeiteten Kleidungsstück bildet sich mit der Zeit ein Loch, ein Riss oder ein unschöner Fleck.
Bevor du etwas wegwirfst, kannst du es reparieren (lassen).
Auf YouTube, Pinterest und Instagram und im Green Needle Magazin findest du hierzu Inspiration.

Wenn sich das Flicken nicht lohnt, kannst du die schadhaften Stellen herausschneiden und die intakten Teile in deinen Stoffvorrat aufnehmen.
Auf diese Weise begleiten dich Teile von Lieblingstextilien noch jahrelang weiter. Im Artikel „Ideen für nachhaltige Geschenke“ , den ich noch laufend ergänze, findest du eine Fülle von Ideen.

Selbst wenn du deine Textilien sorgfältig unter dem Aspekt der Kombinierbarkeit von Farben und Schnitten zusammenstellst, kommt es vor, dass Kleidungsstücke auf einmal nicht mehr deinem Geschmack oder deinen Bedürfnissen entsprechen.
Du kannst sie in diesem Fall entweder an andere Menschen weitergeben oder durch Umfärben ändern oder die Form anpassen (lassen).

Bei allen lebensverlängernden Massnahmen im Fibershed-System ist es wichtig, einen biologisch hergestellten Faden aus natürlichem Material zu benutzen, denn:

Eines Tages ist es so weit: Du hast ein in textiles Stück vor dir, bei dem sich eine Reparatur wirklich nicht mehr lohnt. Das macht überhaupt nichts. Denn das Textil wird nun nicht etwa in den Müll geworfen, sondern es kehrt dahin zurück, wo es herkommt, nämlich zur Erde.
Darin haben synthetische Fäden natürlich nichts verloren.

Bevor du dein vollkommen organisch hergestelltes und chemisch unbehandeltes (Kleidungs) Stück jetzt auf den Kompost wirfst, entfernst du alle Teile, welche du für künftige textile Projekte noch verwenden kannst oder welche du bei der Herstellung des Textils aus Kunststoff hinzugefügt hattest: Reissverschlüsse, Knöpfe, Klettverschlüsse und Ähnliches. Falls du die Nähte doch mit synthetischem Garn genäht hast, kannst du sie auch einfach wegschneiden.

Und dann ist das Textil am Ende seiner Lebenszeit bereit, der Erde als wertvoller Nährstoff wieder übergeben zu werden.
So schliesst sich der Kreis.
Der Kompost verbessert die Fruchtbarkeit der Erde, neue (Faser)Pflanzen können gedeihen und das Ganze beginnt von vorn!

Woher kommt die Idee von Fibershed?

,,Rebecca Burgess, eine Umweltpädagogin aus Kalifornien, veranstaltete 2010 einen Färbekurs mit Kindern.
Ausgerüstet mit Gummihandschuhen, Einwegschürzen und Atemschutzmasken, wurde ihr auf einmal klar, wie gesundheitsschädlich konventionelle Stofffarben sind.
Nach Recherchen zum Thema toxische Stoffe in der Textilherstellung, war sie entschlossen, keine giftigen Chemikalien und erdölbasierte Kleidung mehr auf Ihrer Haut zu tragen.
Ihr wurde klar, wie stark, die konventionell hergestellte Kleidung, die sie bisher getragen hatte, ihren Werten zuwiderlief.
Sie stellte sich eine Garderoben-Challenge, bei der sie ein Jahr lang eine regionale Garderobe aus natürlichen Fasern entwickeln und tragen wollte.
Alle Materialien sollten im Umkreis von 150 Meilen gewonnen und zu Textilien verarbeitet werden.
Aus diesem ersten Projekt entstand die gemeinnützige Organisation Fibershed und das Buch: Was steckt in unserer Kleidung?*

Im Blog von www.fibershed.org kannst du dir im Artikel über den Sommer-Bauernmarkt beeindruckende Beispiele von regional hergestellten Garnen und Kleidungsstücken ansehen.

Seit 2021 gibt es Fibershed auch deutschsprachigen Raum.
In unserem Gebiet können Leinen, Hanf, Wolle, Seide und Leder gewonnen werden. Im Blog von Fibershed DACH findest du spannende Artikel über Projekte im Fasereinzugsgebiet Deutschland, Österreich, Schweiz.
In einer Podcast-Folge vom Textilportal erzählt Nina Conrad, eine der Gründer:innen von Fibershed DACH, von der Funktion der Organisation: Wissen teilen, Menschen vernetzen, Kooperation statt Konkurrenz leben.

 * Die Empfehlung des Buches und des Onlineshops erfolgt unbeauftragt und unbezahlt.

Warum Fibershed glücklich macht

Mit schlechtem Gewissen kaufen

Vielleicht kennst du das diffuse Unbehagen, rund ums Kaufen und Tragen von Kleidung, Garn oder Stoffen für deine Projekte,

  • wenn in dir aufploppt, unter welchen Arbeitsbedingungen diese für dich hergestellt wurden,
  • wenn du Bilder von verschmutzten Gewässern und Landschaften siehst,
  • wenn du über die Folgen von Mikroplastik und den CO₂-Ausstoss von Textilien liest.

Die Liste liesse sich noch endlos fortführen.

Mich erschrecken solche Bilder und das Wissen um Ungerechtigkeit und Verschmutzung empört mich.
Andere fühlen sich einfach ausgeliefert und machtlos.

Eine gute Textilwirtschaft

Das Fibershed-Prinzip beruht auf Gemeinschaft.
Designer:innen, Landwirt:innen, Fabrikbesitzer:innen, Textilarbeiter:innen, Handarbeitende, Handwerker:innen, Investor:innen, Textil-Marken und auch die Käufer:innen sind Teil der Fibershed-Gemeinschaft.
Die Haltung untereinander ist von Wertschätzung geprägt.

Uns ist das Wissen um die Herstellung von Textilien und somit das Gefühl für deren Wert verloren gegangen.

Traudi Schwienbacher, erzählt bei Fibersehd DACH von Erfahrungen in traditionellen Handwerkskursen:

Ich glaube der Mensch kommt erst wieder in Verbindung mit einem Kleidungsstück, wenn er es einmal selbst hergestellt hat. Wenn wir etwas mit unseren eigenen Händen gestalten und die Schritte der Entstehung miterleben, dann schätzen wir das Resultat viel mehr. Das Bewusstsein für die Rohstoffe und vor allem die aufgewandte Zeit wird gestärkt. Ich erlebe immer wieder in der Winterschule, wie stolz die Menschen sind, wenn sie etwas mit den eigenen Händen erschaffen haben.

Wenn wir Kleidung wieder als Notwendigkeit,
wie essen oder ein Dach über dem Kopf haben, anschauen können,
unseren Selbstwert nicht länger über neue Kleidung definieren,
dann können wir aufhören, unnötig grosse Mengen zu kaufen.

Wir gewinnen Zeit.
Wir sparen Geld.

Durch selbst machen, Flicken und Upcyclen von Textilien, erwacht deine Kreativität, dein Können und die Freude daran.

Wenn du magst, triffst du dich für solche Tätigkeiten mit anderen, was meiner Ansicht nach die Freude noch erhöhen kann.

In jedem Fall erlangst du tiefe Zufriedenheit.

Und noch was:

Für ein Kleidungsstück,

  • welches von Menschen derselben Gemeinschaft mit Liebe und Sorgfalt hergestellt wurde,
  • welches mit Wertschätzung gegenüber Natur, Tier und Mensch produziert wird,
  • zahlst du selbstverständlich einen angemessenen Preis und
  • trägst Sorge, es möglichst lange zu erhalten.

Ein solches Stück trägst du mit Stolz und Freude, ganz besonders, wenn du es selbst gemacht hast.

Es macht glücklich!

 Verwendete Quellen:

Was steckt in unserer Kleidung?
von Rebecca Burgess mit Courtney White
Löwenzahn der Studienverlag
Innsbruck 2022

Wie weiter?

Meine Erkenntnis nach der Lektüre zu unzähligen Artikeln und einigen Büchern zum Thema nachhaltige Textilien ist,
dass zwei Dinge ganz besonders nachhaltig sind:

  • Textilien, solange es geht durch Flicken, Ändern und Upcyclen zu verwenden und dadurch weniger neu kaufen.
  • Wenn neu, dann möglichst lokal hergestellte Stoffe und Garne kaufen.

Inspiration und Wissen zum Thema Kleidung reparieren, Ändern und Upcyclen, gibts  Green Needle Magazin.
Es erscheinen regelmässig neue Beiträge.

In den unten stehenden Beiträgen findest du mehr Infos zum Thema Handarbeiten mit Secondhand Material:

Secondhand-Stoffe günstig kaufen – die besten Quellen für nachhaltige Stoffe

Secondhand-Garne-nachhaltig, günstig, inspirierend und verbindend

 

 

Quellen für lokal hergestellte Stoffe und Garne veröffentliche ich demnächst im Green Needle Magazin.

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